Dr. Petra Thorn

1. Frau Dr. Thorn, können Sie sich bitte kurz vorstellen und darlegen wie Sie dazu kamen, sich mit dem spannenden Thema der Fortpflanzungsmedizin zu beschäftigen?

Ich arbeite seit über 25 Jahren in eigener Praxis und führe überwiegend Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch durch. Von den Sorgen und Nöten Betroffener zur wissenschaftlichen und politischen Arbeit ist es nur ein kurzer Weg! Ich habe über die Familienbildung mit Hilfe Dritter publiziert und engagiere mich seit Langem im fachlichen und politischen Umfeld. Ich bin Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung – BKiD, Mitglied und Vorstandsmitglied von mehreren deutschen und europäischen Fachgesellschaften (z.B. der ESHRE), des Arbeitskreises donogene Insemination, Mitglied des Deutschen Ethikrats und habe in der Arbeitsgruppe der Leopoldina „Eckpunkte für ein Fortpflanzungsmedizingesetz in Deutschland“ mitgearbeitet.

2. Sie führen psychosoziale Kinderwunschberatungen durch. Mit welchen typischen Problemen werden Sie bei Ihren Beratungen konfrontiert?

Da mein Fokus innerhalb der Kinderwunschberatung schon seit Anbeginn auf der Samenspende liegt, war die Aufklärung der so gezeugten Kinder und des Umfelds der Wunscheltern immer ein wichtiges Thema in der Beratung. Seit rund 10 Jahren kommen immer mehr Paare, die über eine Eizellspende im Ausland nachdenken. Viele können sich durchaus vorstellen, ihr Kind aufzuklären, sind aber nicht immer über die Gesetzgebung des Behandlungslandes informiert. Infolgedessen kommt es dazu, dass die Eltern zwar über die Zeugungsgeschichte des Kindes aufklären können, das Kind selbst jedoch kein Auskunftsrecht umsetzen kann, also nicht erfahren kann, von wem es abstammt. Denn in einigen Ländern werden Samenspendern und Eizellspenderinnen gesetzlich Anonymität zugesichert. Dies stellt für die Eltern eine Dilemma-Situation dar: Sie können zwar aufklären, aber müssen ihr Kind auch darüber informieren, dass es keine Information über seine biologische Abstammung erhalten kann.

 

3. Halten Sie die Befürchtung, die der Gesetzgeber bei der Debatte um das Embryonenschutzgesetz hatte, dass Kinder, die mit Hilfe reproduktionsmedizinischer Maßnahmen geboren wurden, Identifikations- und Entwicklungsprobleme bekommen, für haltbar? Gibt es diesbezüglich vielleicht eine aktuelle Studienlage, die für oder gegen diese Befürchtung spricht?

Diese Befürchtung betrifft ja nicht alle Kinder, sondern diejenigen, die mit Hilfe einer Samen- und/oder Eizellspende gezeugt sind. Es liegen mittlerweile viele Studien vor, die aufzeigen, dass diese Kinder bei einer frühzeitigen Aufklärung (im Kindergartenalter) keine Identitätsschwierigkeiten erleben und auch die Bindung sowohl zu dem biologischen als auch dem sozialen Elternteil gleichermaßen stabil ist. Wichtig ist weiterhin, dass Kinder die Möglichkeit haben sollten, ihre biologischen Wurzeln zu erfahren, wenn sie sich dafür interessieren. Dies wurde in Deutschland für Menschen, die mithilfe einer Samenspende gezeugt wurden, 2018 im Rahmen des Samenspenderregistergesetztes sichergestellt. Aber wie beschrieben: In vielen Nachbarländern können Kinder dies nicht umsetzen, und wir wissen, dass dies nicht nur große Frustration für sie birgt, sondern sie dies als Diskriminierung empfinden. Daher sollten wir, auch wenn es europa-weit sehr unterschiedliche Haltungen zu dieser Frage gibt, doch den Versuch starten, dies einheitlich zu regeln.

 

4. Bereits im Jahr 2016 hat sich der Deutsche Ethikrat in einer ausführlichen Stellungnahme mit der Embryonenspende, der Embryonenadoption und der elterlichen Verantwortung auseinandergesetzt. Sie waren damals noch nicht Mitglied des Ethikrates. Hat die Stellungnahme angesichts der neuesten medizinischen Erkentnisse im Bereich der Fortpflanzungsmedizin an Aktualität eingebüßt?

Nein, die Stellungnahme ist nach wie vor aktuell, denn im Spendersamenregistergesetz ist die Embryonenspende nicht erwähnt. Es ist dringend erforderlich, Kindern nach Embryonenspende die gleichen Rechte wie Kindern nach Samenspende einzuräumen. Auch brauchen wir nach wie vor ein geregeltes Verfahren für die Auswahl der Wunscheltern. Darüber hinaus sollten sowohl den spendenden als auch den Wunscheltern im Rahmen ihrer Entscheidungsfindung für oder gegen eine Embryonenspende eine psychosoziale Beratung empfohlen werden. Und diese Beratung sollte selbstverständlich, wie auch bei anderen Formen der reproduktiven Spende, den spendenden Personen, den Wunscheltern und den Kindern jederzeit zur Verfügung stehen. Ich spreche bei Kindern im Plural, weil die spendenden Eltern in der Regel nach einer erfolgreichen Familienbildung Embryonen spenden, es also auch in dieser Familie Kinder gibt, die von der Spende in der Form betroffen sind, als dass sie Vollgeschwister in einer anderen Familie haben.

In der Stellungnahme der Leopoldina haben wir uns außerdem dafür ausgesprochen, Embryonen und sog. „Vorkerne“, also befruchtete Eizellen im Frühstadium, bezüglich einer Spende rechtlich gleich zu behandeln. In diesem Punkt spreche ich mich somit für einen Punkt aus, der in der damaligen Stellungnahme des Ethikrats nicht berücksichtigt wurde.

 

5. Wie stehen Sie zum Reproduktionstourismus ins (europäische) Ausland und sind Sie der Meinung, dass es deshalb Änderungen im deutschen Fortpflanzungsmedizinrecht geben sollte?

Die meisten Paare reisen meiner Erfahrung nach wegen einer Eizellspende ins Ausland, daher beziehe ich mich im Folgenden darauf.

Ich habe bereits beschrieben, dass ich das mangelnde Auskunftsrecht für Kinder nach einer reproduktiven Spende für hochproblematisch halte. Aber wenn in Deutschland das Gesetz geändert werden soll, dann auf Basis medizinischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Wir haben in den Empfehlungen der Leopoldina zur Eizellspende ausführlich geschildert, dass einerseits die erforderlichen medizinischen Eingriffe an der Spenderin deutlich sicherer geworden sind und somit ihre körperlichen Risiken sehr überschaubar sind und dass andererseits auch die psychosoziale Entwicklung der so gezeugten Kinder im Normbereich liegt – immer unter der Voraussetzung, dass sie frühzeitig aufgeklärt werden und ihr Auskunftsrecht umsetzen können. Daher spreche ich mich für die Zulassung der Eizellspende in Deutschland aus, allerdings unter geregelten Bedingungen. Folgendes halte ich für besonders wichtig: eine umfassende medizinische und psychosoziale Aufklärung und Beratung der Spenderin und der Wunscheltern, ein minimales körperliches Risiko für die Spenderin, kein kommerzieller Handel von Eizellen, jedoch eine angemessene Kompensation der Spenderin, eine rechtliche Regelung analog der Samenspende, was ein Auskunftsrecht des Kindes beinhaltet und auch hier selbstverständlich ein umfassendes psychosoziales Beratungsangebot, dass alle Beteiligten zu jeder Zeit in Anspruch nehmen können.

 

6. Welcher Änderungen im Fortpflanzungsmedizinrecht bedarf es; ist das Embryonenschutzgesetz so überhaupt noch zeitgemäß?

Ich spreche mich vor allem für die Zulassung der Eizellspende unter geregelten Bedingungen aus, für die Zulassung der Vorkernspende und im Sinne des Kindeswohls für eine rechtlich sichere Zuordnung der Kinder zu den Wunscheltern nach einer Leihmutterschaft im Ausland. Vor allem für die Behandlungen mit einer reproduktiven Spende ist zudem eine qualifizierte psychosoziale Beratung wichtig, und sie sollte auch im Rahmen einer Leihmutterschaft straffrei möglich sein. Eine Empfehlung dieser Beratung sollte daher gesetzlich verankert werden. Weiterhin sollte ein Gesetz dazu führen, dass Risiken wie die Mehrlingsschwangerschaft minimiert werden, dass in der medizinischen und psychosozialen Beratung das kurz- und langfristige Wohl aller Beteiligten, vor allem das Kindeswohl, an erster Stelle steht und die medizinische Unterstützung bei Kinderwunsch angemessen finanziert wird, damit keine soziale Ungleichheit entsteht.

Darüber hinaus sollten im Samenspenderregistergesetz Änderungen vorgenommen werden. So sollte es z.B.

  • eine Möglichkeit für die so gezeugten Menschen geben, Halbgeschwister kennenzulernen,
  • auch Samenspender sollten auf eine psychosoziale Beratung hingewiesen werden, die sie jederzeit, vor allem vor einer Kontaktaufnahme durch ein mit ihrem Samen gezeugten Kindes, in Anspruch nehmen können,
  • es sollten keine Männer, also auch nicht diejenigen, die vor Gesetzeseinführung gespendet haben, das Risiko einer rechtlichen Vaterschaft tragen,
  • auch die sog. „Altfälle“ und Spenden außerhalb des medizinischen Systems sollten aus Kindeswohlerwägungen in das zentrale Register aufgenommen werden können.

 

7. Mit wem würden Sie gerne einmal über eine Reform des Fortpflanzungsmedizinrechts diskutieren und wieso?

Wir haben im Rahmen der Leopoldina-Empfehlungen mit einigen Politikern gesprochen, die sehr an der Thematik interessiert waren. Allerdings scheint die Reproduktionsmedizin nach wie vor zu polarisieren.

Ich würde gerne mit jemanden ins Gespräch kommen, der/die jenseits einer Polarisierung bereit ist, Projekte zu unterstützen, die die momentanen rechtlichen Regelungen voranbringen würden und dazu auch eine öffentliche Diskussion in Gang bringt. Dazu gehören u.a. Projekte, die helfen, die Inhalte des Samenspenderregistergesetzes umzusetzen: z.B. der Aufbau eines psychosozialen Informations- und Unterstützungsangebots im Rahmen von Kontakten zwischen Samenspendern und den mit ihrem Samen gezeugten Menschen.

Und natürlich diskutiere ich gerne mit alldenjenigen, die sich konkret für die Einführung eines Fortpflanzungsmedizingesetzes einsetzen und dies auch nachhaltig verfolgen.

 

8. Wie würden Sie folgenden Satz beenden: "Eine Reform des Rechts der Fortpflanzungsmedizin ..."

... sollte das kurz- und langfristige Wohl aller Beteiligten, vor allem des zu zeugenden Kindes, berücksichtigen und daher eine Beratungsempfehlung enthalten, an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert sein und niemanden aufgrund von Geschlecht, Status, sexueller Orientierung oder finanzieller Möglichkeiten diskriminieren.

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